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Zum 100sten Geburtstag Kurt Kusenbergs (24. 6. 1904 - 3. 10. 1983)

Klinophilie und heimliche Zimmer


In der Kurzgeschichte Obst und Südfrüchte (in: Mal was anderes, 1956) erlebt ein männlicher Ich-Erzähler, wie ihn die weiblichen Verkäuferinnen eines Obstladens mehr bezaubern als die angebotenen südländischen Früchte. Die Geschichte kitzelt die Libido; gleichzeitig verlacht sie das Biedergemüt des Erzählers, der erotische Abenteuer ahnt, ohne die vermutete Anzüglichkeit der Verkäuferinnen zum Anlass zu nehmen für eine amouröse Tat.

Die meisten Helden kurtkusenbergscher Kurzgeschichten treten als unauffällige Zeitgenossen in Erscheinung, denen Kurioses widerfährt oder die seltsame Sachverhalte als Alltägliches begreifen. In der Geschichte Ein gewisses Zimmer wird ein Motiv aus dem amerikanischen Spielfilm Being John Malkovich vorweggenommen: Es geht um ein Zimmer, in dem mehr unsichtbare Fäden zusammenliefen als an irgendeinem anderen Ort der Welt. Das Zimmer gehört einem Herrn Klose, der dem Leser von heute gleich als schwarzweiße, kurtgeorgkiesingersche Fünfzigerjahregestalt vor dem inneren Auge ersteht. Die Figuren anerkennen das Absurde klaglos als wirklich. In dieser Hinsicht lassen sie Kafka-Lektüre und Kafka-Wertschätzung des Autors erkennen; Wertschätzung besonders im Bezug auf den komischen Gehalt der Kafka-Texte. Denn Kusenbergs Geschichten sind komisch, im ersten, zweiten und dritten Sinn des Wortes.

Mittels Verknüpfung von alltäglichen Gestalten mit skurrilen Begebenheiten oder Schrullen entsteht hier Komik. Damit sind die Geschichten zeituntypisch, das Feuilleton preist moralisierende Ödlinge wie Heinrich Böll, das Publikum kauft Landser-Heftchen. Der Unsinn als Sujet und Gehalt eines Kunstwerks ist im Deutschland zwischen der Epoche des Dada und der des Aktionismus nicht wohl gelitten; Kusenberg macht eine anerkennenswerte Ausnahme. Auf der sachkundigen Hompepage des Kurtkusenberg-Kenners Dr. Peter Lindlein dürfen Besucher den exklusiven, bislang unveröffentlichten Text Über den Unsinn herunterladen.*

Kurt Kusenberg schrieb bis zu seinem Tod im Jahre 1983 rund 150 unterhaltsame Unsinnsgeschichtchen. Im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen Roald Dahl betrachtete der trunk- und rauchfreudige Wahl-Hamburger Kusenberg sein literarisches Schreiben als nebensächliche Arbeit. Hauptberuflich wirkte er als Kunsthistoriker, Redakteur und Lektor. Er editierte beim Rowohlt-Verlag (ab 1947, dauerhaft zwischen 1958 und 1983); gemeinsam mit seiner Frau Beate betreute er die Biographien-Reihe Rowohl Bildmonographien.

Zwei der unterhaltsamsten kurtkusenbergschen Werke, die überaus erkenntnisbildend wirken, tragen die Titel Lob der Faulheit und Lob des Bettes (beide 1956). In Anlehnung an das Lob der Torheit des humanistischen Universalgelehrten Erasmus von Rotterdam sammelte Kurt Kusenberg historische Anekdoten, literarische und fachkundliche Texte zum jeweiligen Thema und verschmolz sie zu einem amüsanten Kompendium fröhlich erzählter Textchen, die das Lobenswerte mit Nachdruck loben. Seine Klinophilie (= Bettliebe) preist ein oft geschmähtes Möbel: Das Bett, denken Sie darüber nach, ist das Symbol des Lebens.(...) Das Bett ist das Köstlichste, was es gibt. Ist nicht der Schlaf unser Bestes hienieden? Das schrieb ein Anfangfünfzigjähriger im arbeitsirren Deutschland der Nachkriegszeit, als Menschen stolz waren auf unreflektierte Plackerei zur Mehrung des eigenen oder fremden Kapitals. Die Lektüre der Texte von Kurt Kusenberg täte manchen Zeitgenossen der Gegenwart wohl.

Peter Kusenberg

 


Anmerkung: Alle kursiv gesetzten Textpassagen entstammen den genannten Werken Kurt Kusenbergs.


* Dr. Peter Lindlein betreibt eine Kurt-Kusenberg-Website, auf der sich drei exklusive Texte Kusenbergs räkeln, in freudiger Erwartung baldigen Gelesenwerdens. Etwa der Text Über den Unsinn, der sich nicht in den zahlreichen Publikationen des Autors finden lässt.


Ich behalte mir alle Urheberrechte vor, Verwertung meiner Texte nach Rücksprache. Auskunft: mail@peterkusenberg.de