Heim   

»Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!« 1. Mose, 11, 7 (Medien-Motto des 21. Jahrhunderts)

Wortklauber: Sprachkritische Erhellung

Der, die das in 2006


Deutsche Politiker warfen Iran vor, die Proteste gegen die umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed für politische Zwecke zu instrumentalisieren. (aus: Spiegel Online vom 7. Februar 2006)

Wer zu den altmodischen Menschen gehört, die unter Technologie Technik-Wissenschaft verstehen, die das englische Wort ordinary nicht mit ordinär übersetzen und bei denen sich der Sinn ergibt und nicht gemacht wird, bei diesen Menschen wird der Satz aus der Einleitung Unwohlsein hervorrufen: Da fehlt doch was! Klar, es fehlt der bestimmte Artikel, der Staat Iran benötigt die männliche Beifügung, genau so wie der Tschad, der Sudan, der Vatikan, der Jemen und der Nachbar des Irans, der Irak. Die meisten Staatsnamen sind sächlich, es heißt: Ich fahre nach Frankreich, denn Frankreich ist sächlich - zumindest im Deutschen. Neben den wenigen männlichen und rund zweihundert sächlichen Staatsnamen gibt es ein paar weibliche Ausnahmen: die Schweiz, die Mongolei, die Zentralafrikanische Republik, die Slowakei und die Türkei.

Das zu lernen ist nicht schwer. Vor rund 20 Jahren prägte ich mir ein, dass die meisten Obstsorten im Französischen weiblich sind, Ausnahmen sind etwa die Zitrone und die Melone, die heißen le citron und le melon. Gewiss kommt kein Franzose auf die Idee, zu sagen: "Ach, das ist furchtbar umständlich mit diesen Ausnahmen bei den Obstsorten, machen wir doch alles weiblich!" Auf solche Ideen kommen nur deutsche Journalisten, die beim Schreiben so denkfaul sind wie ich bei Steuerangelegenheiten. Sie wollen nicht nachdenken über so profane Dinge wie Artikel und die Tatsache, dass ein englischsprachiger Agenturtext nicht mit dem Google-Translator übersetzt werden kann, sondern hin und wieder ein Genitiv-S und ein bestimmter Artikel vonnötgen sind.

Jedenfalls dann, wenn der Autor seine Muttersprache nicht mit libanesischen Stahlkappenschuhen treten möchte. Die mögen keine libanesische Spezialität sein, doch eröffnet der Libanon eine prima Gelegenheit, mal wieder einen Artikel vors Land zu setzen. Wie sagte es der denkfaule oder, wenig schmeichelhafter, der arrogant-pseudo-kosmopolitische Journalist? Sagte er: allein Libanon gibt Gelegenheit, oder wäre ihm dieser Ausdruck doch zu krumm im Mund? Nicht zu krumm erscheint ihm, gemäß der aktuellen Mode, die Jahreszahlen nicht mehr zu beugen. So titelt der News-Report vom 13. Januar 2006:

Außenhandel in 2005 Wachstumsmotor

Das veranlasst Menschen, die nicht jeden Tag 48 Wirtschaftsmagazine lesen zu der Überlegung: Da fehlt die Endung -en hinter dem Motor, denn 2005 Stück davon sind eindeutig mehr als einer. Der Autor hat offenbar zu wenig Zeit, um die Wendung "im Jahre" vor die Jahreszahl zu setzen. Das machen die Wirtschaftsmagazin-Amis ja ebenfalls nicht, und wer sich Chief Category Manager nennt oder Head of Editorial Production, der braucht gewiss keine lästige Grammatik zu berücksichtigen, der schreibt wie ein Übersetzungsprogramm aus dem Internet: steril, langweilig und lehrerkopfnussheischend falsch.

Einige um die Denkkraft von Schülern besorgt erscheinende Menschen schlagen wichtigtuerisch vor, die deutsche Schreibung von Zahlwörtern auf logische Füßchen zu stellen. Sie wollen, dass die Vierundachtzig nicht mehr Vierundachtzig heißt, sondern Achtzigvier, weil es so logisch sei und im Englischen ebenfalls so gemacht wird. Stimmt, nur: Muss immer alles logisch und einfach sein? Machen die Franzosen ein Buhei darum, dass Sie Viermalzwanzig sagen, wenn sie achtzig meinen? Schadet ein wenig Nachdenken denn dabei, die Welt zu betrachten? Muss alles so beschaffen sein wie in einem Ameisenstaat? In puncto Sprachpflege können sich die Deutschen eine Scheibe von den Franzosen abschneiden, wenn nicht gleich einen ganzen Froschschenkel.

Peter Kusenberg


Unter der Überschrift "Wortklauber" erscheinen im unregelmäßigen Abstand Texte über sprachliche Phänomene in Zeitungen, Zeitschriften, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Online-Publikationen. Weitere sprachkritische Textchen lesen Sie im Archiv.

Ich behalte mir alle Urheberrechte vor, Verwertung meiner Texte nach Rücksprache. Auskunft: mail@peterkusenberg.de