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»Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!« 1. Mose, 11, 7 (Medien-Motto des 21. Jahrhunderts)Wortklauber: Sprachkritische ErhellungÜberflieger |
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Die Kreier halten Bein - Journalistischer Wortmüll für die Querleser und Nichtsdenker Auf Spiegel-Online lesen wir am 21. Juli 2003 im Wissenschaftsbeitrag "Atom-Minen sollten Deutschland verwüsten": "Das Arsenal der Alliierten beinhaltete Artilleriegeschosse, Kurzstreckenraketen und Panzerfaust-ähnliche Raketenwerfer [...]." Ein paar Tage zuvor, am 2. Juli, stand im Vorspann zum Kultur-Artikel "Raumpatrouille Reloaded": "Der Plan, aus dem alten Kult einen neuen zu kreieren, ging leider nicht auf." Ich behaupte, dass Wörter wie "beinhalten" und "kreieren" in jeder Redaktion auf dem Index vermeidlicher Wörter stehen, sie lesen sich anders als sie gesprochen werden, stauen den Lesefluss; sie sind doof und überflüssig und werden von gewissenhaften Textchefs durch gescheite Wörter wie "enthalten" und "erzeugen" ersetzt. Dennoch finden sich Hunderte dieser unschönen Wörtchen in den Texten von Spiegel-Online, genauso in den großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen. Warum? Weil die Verantwortlichen meinen, die Mühe des Ersetzens sei überflüssig, die meisten Leser von F.A.Z., Stern und FTD seien sogenannte "Entscheider", also Leute, die sich für so wichtig halten, dass eine ihrer Sekunden so kostbar ist wie das ganze Leben eines Wasserträgers in Biafra. Die Zeit dieser wichtigen Leser erscheint so kostbar, dass sie einen Text nicht ganz zu lesen vermögen, sie "überfliegen" ihn. Was geschieht beim sogenannten Überfliegen eines Textes? Ein Pilot, der bei 300 Stundenkilometern aus dem Fenster seines Flugzeugs schaut, erkennt grobe Muster in der Landschaft unter ihm; ob die Bäume Kastanien oder Fichten heißen, vermag er nicht zu sagen. Ein Text-Überflieger - da ist sich die Text-Verständnis-Forschung einig - bekommt einen ungefähren Eindruck davon, was in dem Text gesagt wird. Einige Hauptwörter prägen sich ein, er weiß nach dem Überfliegen, welches Thema behandelt wurde. Der Überflieger bleibt weit von der Oberfläche entfernt, in den Kern der Sache dringt er nicht vor, er gewinnt keine Erkenntnis. Nur der Leser, der die Gedanken des Autors mit eigenen Worten zu wiederholen vermag, hat verstanden, was der Autor sagen möchte. Hat sich der Autor keine Mühe gegeben, seine Gedanken in eine gefällige Form zu bringen, bereitet dieser Gedankentransfer dem Leser einige Mühe. Er wird über dumme Begriffe wie "kreieren", "beinhalten" , "kultig" stolpern, über Fusselwörter wie "aber", "leider", "natürlich" holpern und Phrasen ertragen , die so abgegriffen wirken, dass die Wortknochen darunter hervorschimmern. Die schlechten Texte laden dazu ein, sie nicht richtig, also gar nicht zu lesen. Für einen guten Text wird sich der vermeintlich wichtige "Entscheider" Zeit nehmen, ein guter Text verleitet zum Lesen. Die Entschuldigung des Autors für einen Überflieg-Text, der Leser habe keine Zeit zum genauen Lesen, ist nicht besser als die Entschuldigung des verspäteten Schülers, der beteuert, er habe den Lehrer durch sein Fernbleiben schonen wollen. Unter der Überschrift "Wortklauber" erscheinen im zweiwöchentlichen Abstand Texte über prachliche Phänomene in Zeitungen, Zeitschriften, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Online-Publikationen. Weitere sprachkritische Textchen lesen Sie im Archiv.
Ich behalte mir alle Urheberrechte vor, Verwertung meiner Texte nach Rücksprache. Auskunft: mail@peterkusenberg.de
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