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»Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!« 1. Mose, 11, 7 (Medien-Motto des 21. Jahrhunderts)

Wortklauber: Sprachkritische Erhellung

Tütensuppendeutsch


Trotz aller Mahnungen zum frugalen Leben ging es in den Klosterküchen und Perfektorien des Mittelalters mit Delikatesse und Raffinesse zur Sache. (aus: Die Zeit Nr. 53 vom 22. Dezember 2004)

Als hätten die Mönche ihr Essen im Knorr-Regal des örtlichen Supermarkts gesammelt! Beinahe regelmäßig, im Abstand weniger Jahre, weist Publizist und Autor Hermann L. Gremliza auf der sprachkritischen Seite express seiner Monatsschrift Konkret darauf hin, dass Raffinesse ein Nahrungsmittel-Simulakron der Firma Knorr bezeichnet. In den meisten Texten ist jedoch die Finesse gemeint, die, laut Fremdwort-Duden, Feinheit bedeutet. Raffinement hat die Feinheit mit Geist gewürzt, also mit ratio. Die Fusion beider Wörter zur Raffinesse ist laut dem Etymologischen Wörterbuch F. Kluges bereits im 18. Jahrhundert belegt, bezeichnet, im vulgären Gebrauch, die Durchtriebenheit.

Die wird der Autor einer hübschen Reisebeschreibung auf Spiegel Online nicht gemeint haben, als er über den Schwarzwald schrieb:

Die heimische Küche vereint bäuerliche Herzhaftigkeit mit Raffinesse, das Klima lässt an Oberitalien denken. (19. Oktober 2004)

Meister Gremliza gibt sich unerbittlich, wenn es darum geht, die leichthin, oder besser: leichthirnig, Buchstaben tippenden Kollegen zu kritisieren, die nicht von dem hässlichen Wort lassen können, ja, das richtige gar nicht kennen:

[Raffinesse ist] nur die dummdeutsche Verquickung eines Zustands und einer Tätigkeit [...], ein Vokabelbastard bar jeden Sinnes, der zu nichts taugt als zur beliebten Verwendung in jedem besseren Feuilleton. (Konkret 12/91, S. 66)

Nur: Passt nicht bestens zur affirmierenden Schreiberei über Waren und deren Umlauf die Sprache der Supermärkte und Werbetexte? Hängen nicht Tausende von Schreibern ihren Substantiven ein pur an, weil auf dem neuesten TUI-Katalog Urlaub pur steht oder die Firma Knorr ihre Pülverchen in Tüten verkauft unter dem Motto: Genuss pur? Wer im Nazi-Faschismus lebt, muss ständig Deutschland schreiben, wer im Konsumismus lebt, macht mobil, fühlt sich beim Bierschlucken als das König und findet die Todsünde Geiz geil.

Ärgerlich gerät die Doofwort-Schreiberei, wenn der Text gut ist, wie der von Maren Preiss über die Klosterküche (siehe oben). Und wenn der Text so gar nichts zu tun hat mit Handy, BMW und Heiteitei. Dann mag man sich einen zerstreuten Textchef denken, der, unter einem Berg Papier hervorkriechend, japst: "Mir ist jetzt alles egal, machen wir halt einen Tütensuppentext draus und lassen irgendwas mit irgendwas anderem aufwarten!"

Das Hauptzollamt in Frankfurt/Oder wartet ebenfalls mit Zahlen auf. (aus: Spiegel Online vom 7. Oktober 2004)

Wer gerne Berichte über Computerspiele liest, wird sich wie ein König fühlen, ein König der Aufwart-Schreiberei. Da wartet die Grafik mit spektakulären Effekten auf, und der Mehrspielermodus wartet mit weiteren Features auf. Bei der ständigen und wie hirntot vor sich hingebrabbelten Aufwarterei in deutschen Texten brauchte es eine Aufwartfrau, die sich einen Beutel Raffinesse aufgösse, sich mit der fahlen Schorlemorle leidlich stärkte. Dann könnte sie die Tausenden Aufwart-Verben einsammeln und in die richtige Schublade stecken: Die Lade mit der Knecht- und Mädgewelt eines landesfürstlichen Hofes. Dahin gehört es, das Aufwarten, da tauchte es auf, etwa bei den deutschen Romantikern, denen das Wort schon vor 200 Jahren recht altmodisch im Mund rumschwabbelte und gerne für wohlig archaische Herrerndienerei verwendet wurde.

Oder es schösse einer mit demokratischem Geist das Aufwarten in den Pfuhl - oder an unangenehmere Destinationen. Dieses Wort nähme er bitte mit, denn wem das Aufwarten die Finesse aus den Sinnen kratzt, dem vergällt dieses Ekelding jede Reise:

Auch weite Teile der Regierung sind der Überzeugung, All-inclusive müsse ausgeweitet werden, um im Wettbewerb mit anderen Destinationen wie der Türkei bestehen zu können. (aus: Die Zeit Nr. 1/2005 vom 30. 12. 2004)

Aller schlechten Dinge sind drei, und damit soll's genug sein. Der Zielort meiner nächsten Reise sei die Küche, in der ich mit hoffentlicher Finesse eine Rotbarbe mit Oliven und Artischocken zubereite: damit sich die Familie daran entzücke.

Peter Kusenberg


Unter der Überschrift "Wortklauber" erscheinen im zweiwöchentlichen Abstand Texte über prachliche Phänomene in Zeitungen, Zeitschriften, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Online-Publikationen. Weitere sprachkritische Textchen lesen Sie im Archiv.

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