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»Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!« 1. Mose, 11, 7 (Medien-Motto des 21. Jahrhunderts)

Wortklauber: Sprachkritische Erhellung

Shoot for the Star


"Mit Geiz und Gier zum Shootingstar der Wall Street" (Überschrift in der WamS Nr. 25 vom 22. Juni 2003)

Die Faulheit des Schreibers zeigt sich, wenn er Wörter, Phrasen, Bilder benutzt, die den Leser in jedem Heftchen, jeder Zeitung, jedem Katalog anöden. Schreibt der faule Autor über eine heiße, mit Betonhäusern vollgebaute Gegend voller riesiger Insekten, steht in der Überschrift "Erholung pur" (Focus Nr. 19) und "Sonne satt" (WamS Nr. 22). Beide Phrasen werden zwanghaft miteinander verknüpft, etwa in jenem WamS-Artikel, der die in der Überschrift vermisste "Schönheit pur" in die Bildunterschrift packt. Unterdrückt der Autor alle verbliebenen mentalen Regungen, schreibt er "Sonne pur und Superstrände" (TV 14 Nr. 12). Möglicherweise war das Hirn des Autors dem unmittelbaren Zugriff der Sonne ausgesetzt, also kurzfristig auf 16 mal 10 hoch 6 Kelvin erwärmt, das entschuldigte das pur-Phräschen.

Ein besonders hartnäckiger Ausdruck fauler Schreiber heißt "Shooting Star", er steht regelmäßig in den Boulevard-Ressorts der meisten deutschen Presse-Erzeugnisse. Im Englischen wird damit ein Meteorit - vulgo eine Sternschnuppe - bezeichnet, in den deutschen Artikeln steht er vor Namen wie Yvonne Catterfeld, Sarah Connor, Daniel Kübelböck. Der Autor schreibt "Shooting Star", also Sternschnuppe, weil die Kollegen das gleiche Wort benutzten und es von keinem Textchef durch ein anderes ersetzt wurde, etwa "Glamour-Junkie", "Nachwuchs-Popstar" oder "Medialer Ehrgeizling". Der Autor ist zu faul dazu, im Wörterbuch nachzuschlagen. Der Senkrechtstarter heißt im Englischen "vertical take-off plane". Im übertragenen Sinne heißt das senkrechte Abflug-Flugzeug "Whizz kid".

Der Autor wird die Vorwürfe abstreiten, er wird sagen: "Ich bin nicht faul, ich wollte auf subtile Weise ausdrücken, wie doof ich diese Figuren finde, die sich als singende oder schauspielende Jungkörper vermarkten lassen." Er wird auf den Brockhaus verweisen, darin steht unter dem Eintrag "Sternschnuppe":

Sternschnuppen heißen Meteore, deren Helligkeit 4m (mittlere Venushelligkeit) nicht übertrifft. Sie werden durch Meteoroide mit einem Durchmesser zwischen einigen Zentimetern und etwa 1mm (gerade noch mit bloßem Auge sichtbar) verursacht (Masse etwa 2mg bis 2g). Noch kleinere Partikel (Masse etwa 2g bis 2mg) bewirken teleskopische Meteore; sie sind dem Auge unsichtbar und können nur im Fernrohr wahrgenommen werden. Die sehr viel selteneren Meteore, die größer als etwa 4m sind, nennt man Feuerkugeln (Bolide), sie werden von entsprechend größeren Meteoroiden erzeugt. Meteore treten als Einzelerscheinungen sowie als ausgeprägte Meteorströme auf. (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2003

Derart hintersinnig bringen deutsche Presse-Fritzen ihre Kritik am Remmidemmi um minderjährige, medial verstärkte Lärmmacher zum Ausdruck, die "nur mit dem Fernrohr wahrgenommen werden." Daher sprechen sie immer von "Boliden", wenn sie Rennautos meinen, die pro Kilometer hektoliterweise Kraftstoff verschwenden und einen Lärm verursachen, dass die letzten nicht überfahrenen Eichhörnchen vor Schreck von den von den Autoabgasen getöteten Bäumen fallen.

Der Leser muss einen halben Zentner Brockhaus-Wälzer parat haben, dann versteht er vielleicht, was der Autor gemeint haben könnte.


Unter der Überschrift "Wortklauber" erscheinen im zweiwöchentlichen Abstand Texte über prachliche Phänomene in Zeitungen, Zeitschriften, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Online-Publikationen. Weitere sprachkritische Textchen lesen Sie im Archiv.


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