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Ausgedröhnt? Die Glücklichmacher aus den Pharmalabors stehen im Verdacht, wenig wirksam, dafür aber gefährlich zu sein. (aus: Selbstmord aus der Pillendose? in: Telepolis vom 6. Juli 2004)
"Wie heißt die Mehrzahl von Kaktus?" Wer Kindern diese Frage stellt, darf sich auf komische Antworten freuen: Kaktüsse, Kakten oder, bei altklugen Akademikerkindern, Kakti. Alle diese Formen sind plausibel, denn die deutsche Sprache kennt verschiedene Plural-Endungen. Je nach Deklination, Wortherkunft und Geschlecht werden Wörter auf -er (Männer), -en (Frauen), -e (Bälle) als Pluralwörter kenntlich gemacht. Das Wort Wort hat gleich zwei mögliche Formen: -er mit Umlaut, wenn die lexikalischen Einheiten gemeint sind (Wörter), -e ohne Umlaut, wenn es um Zitate und sonstige Sinn tragende Äußerungen geht (Worte). Erstaunlicherweise ist selbst hauptberuflichen Wortjournalisten der Unterschied nicht bekannt, etwa dem Autor cis des Spiegel-Online-Artikels vom 25. April 2006 zum Thema Die häufigsten Wörter im Web. Darin heißt es:
Die Worte auf den weiteren Plätzen sind ähnlich wenig aufregend - im Grunde handelt es sich ja schließlich um nichts anderes als eine Häufigkeitsauswertung von Worten aus dem Englischen.
Fremdwörter werden entweder nach den genannten Methoden pluralisiert oder gemäß der Regeln ihrer Herkunftsprachen: Das griechischstämmige Wort für Bildzeichen, Piktogramm, heißt im Plural Piktogramme, der lateinische Stimulus wird bei Verdoppelung zu Stimuli, das griechische Lexikon heißt im Plural Lexika. Tauchen zwei Mesopotamier auf, so handelt es sich um Iraker und nicht, wie viele deutsche Nachrichtenredakteure in plumper Nachäffung des Englischen schreiben, um Iraki, während die Beinahe-Nachbarn tatsächlich Israelis heißen, weil Israeliten eher nach der Benennung der Protagonisten einer alttestamentarischen Rache-Story klingt. Ein Inuk wiederum bildet zusammen mit einer Inuk-Frau eine Familie, bestehend aus mindestens zwei Inuit. Einige altsprachliche Entlehnungen überlassen es dem Sprecher, ob er ein Thema auf korrekt klassisch-philologische Weise zu Themata vermehrt oder profan zu Themen. Nicht statthaft sind Themas, analog zu den englischen themes und den thèmes im Französischen.
Deutsche Wörter, die aus diesen beiden einflussreichen Sprachen stammen, erthalten entweder eine normale deutsche Endung (Gangster - Gangster), oder es wird ein -s als Pluralzeichen an die Grundform angepappt: Model - Models, Drink - Drinks. Die Benutzer der Umgangssprache heften gerne an steinalte deutsche Wörter das englische Pluralzeichen, etwa an die Hamburger Jungs oder die deutschen Mädels. Tatsächlich ist das letztgenannte Wort ein alter Nazibrocken, der seit einigen Jahren in völliger Unkenntnis dieser Tatsache benutzt wird, weil er vermeintlich flott klingt, und Flöttigkeit wird stärker nachgefragt als solide Gedanken als Fundament eines Textes.
Als besonders flott werden von vielen Menschen die Labors empfunden, der scheußliche und, laut Duden, bereits seit Jahrzehnten rechtmäßige Plural fürs Labor, also für die Kurzform des Laboratoriums. Labor mit -s am Ende klingt gesprochen so wie die Pullovers und Pickels kleiner Kinder, und wie Spieles; nein, pardon, das Wort heißen Games und sieht aus wie ein falsch geschriebener spanischer Vorname. Das ungelenke Wort Labors indes gewinnt an Aufmerksamkeit. Säen die Wissenschafts- und Sonstwas-Autoren weiterhin die falschen oder mindestens hässlichen Plurale in die Köpfe der Deutschen, bleiben in 20 Jahren nur noch Redakteurs in Redaktions übrig, die Artikels schreiben, in denen sie sich über englische Wortes in deutschen Texts echauffieren. Und dabei gibt es so schöne Plurale! Bau, Genus, Pizza, Topos, Zucchino: Wer geriete nicht ins Schwärmen ob der Bandbreite origineller Mehrzahlen? Na, die Nachrichtenabschreiber, die müssten gewiss im Duden nachschauen, um die Zellulitis zu mehren; oder behaupteten frech, es sei ein Plurale tantum, also ein ausschließlich mehrzahliges Wort. Ist es nicht, die unflotten Dinger heißen Zellulitiden, also ähnlich wie eine Weltraumrasse in einem Roman von Philipp K. Dick.
Peter Kusenberg
Unter der Überschrift "Wortklauber" erscheinen im unregelmäßigen Abstand Texte über sprachliche Phänomene in Zeitungen, Zeitschriften, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Online-Publikationen. Weitere sprachkritische Textchen lesen Sie im Archiv.
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