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»Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!« 1. Mose, 11, 7 (Medien-Motto des 21. Jahrhunderts)Wortklauber: Sprachkritische ErhellungRalf anrufen übers weiße Telefon |
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Koalition mit Öko-Stalinisten und Ex-Terroristen macht keinen Sinn (CSU-Landesgruppenchef Michael Glos in der Süddeutschen Zeitung vom 10. Februar 2004). In Deutschen ergibt sich kein Sinn mehr, seit etwa zwei Jahrzehnten wird Sinn gemacht. Nämliche Sinn-Produktion monierte vor 20 Jahren die amerikanische News-Wave-Band Talking Heads, die eine Live-Platte Stop making sense nannte. Im ersten Stück, Psycho Killer, lauten zwei Zeilen: You start a conversation you can't even finish it / You're talkin' a lot but you're not sayin' anything. Die Talking Heads kommentierten mit analytischer Hellsichtigkeit zeitgenössische Sachverhalte, besonders der aktuellen Sprachlosigkeit bei gleichzeitigem Redeüberfluss. Im Jahr zuvor hatten die Talking Heads Speaking in tongues veröffentlicht, ihr vielleicht erfolgreichstes Album. In Zungen sprechen, Kauderwelsch reden, Barbarbar machen. Für die antiken Griechen waren alle Menschen Barbaren, die kein Griechisch sprachen. Wer im neuzeitlichen Mitteleuropa in unverständlicher Sprache redete, der sprach Kauderwelsch, also die Sprache der Menschen jenseits von Rhein und Alpen. Wer heute in Zungen redet, Barbarbar macht, die Landessprache nicht beherrscht, ist in den seltensten Fällen ein welscher Kaudermann. Die heutigen Barbaren sind zumeist einheimische Politiker, Publizisten, Funktionäre, Rundfunkmoderatoren, sie benötigen nicht einmal vielgeschmähte Anglizismen und dämliche Übersetzungen aus dem Englischen, um nichts zu sagen: Dass das Eingehen von kalkulierbaren Risiken explizit zu unternehmerischen Entscheidungen gehört, ist ein wichtiges Element im Referentenentwurf für das neue Gesetz zur Stärkung der Unternehmensintegrität und Modernisierung des Anfechtungsrechts.Das schrieb Professor Dr. Harald Wiedmann, Chef des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG, ins Vorwort der Mitgliederzeitschrift Edit Value (Ausgabe vom Sommer 2004). In seinem 245-Zeichen-Möchtegernsatz kommt ein einziges richtiges Prädikat vor, und das steht im Nebensatz und ist so nichtssagend wie ein Buch Hans-Olaf Henkels. Im Gegensatz zu dem Wortmüllhaufen wirkt folgende Überschrift in einem Artikel über die Schauspielerin Cosma Shiva Hagen beinahe doppelt bedeutungsvoll: Das Mädchen-Girl heißt der Beitrag in Heft 23/2004 der Zeitschrift Woman. Wenn dieser Stil Schule macht, heißen die Theken der Bahn AG bald Schalter-Counter und Marketingheinis fallen Anti-Anglizisten in die Arme und feiern Versöhnung. Dennoch gilt: Die Eindeutschung und Nichtmaleindeutschung von englischen Wörtern und Phrasen wird von Medienarbeitern über Gebühr betrieben. Werbe- und Marketing-Leute machen Sinn, sie betreiben Car Sharing und nehmen Herausforderungen an. Deren Wortzeux benötigt kein gescheiter Mensch, doch gerade da liegt ja the hare in the pepper: Werbeleute quatschen daher, damit Leute ihnen irgendwas abkaufen, nicht, damit sie verstanden werden. Wenn Journalisten, DGB-Vorsitzende und Kulturdezernenten committen, etwas kommunizieren und Content managen, dann tun sie dies ohne Not.* Warum reden Computerexperten von Technologie, wenn sie Technik meinen? Aus Faulheit, Dummheit, meistens aus Geltungssucht, denn: Technologie klingt gewichtiger. Das Wort, entlehnt aus dem englischen technology - wobei das englische Wort Technik bedeutet - bezeichnet die Gesamtheit aller technischen Kenntnisse. Die Technik ist also eine einzelne Anwendung einer Technologie; MMS ist eine Technik der Mobiltelefon-Technolgie. Nicht nur Computerschreiberlinge wie ich geben häufig keine Mühe, schwierige Sachverhalte in eine verständliche Sprache zu übertragen. In William Gibsons neuestem Roman, Mustererkennung, schreiben die Übersetzer Cornelia Holfelder-von der Tann und Christa Schuenke auf Seite 160 der deutschen Ausgabe (Klett-Cotta, 2004): Leck mich doch die heilige Feuerzunge! Dachte schon, ich wäre der einzige hier draußen, der sich für die spezielle Schönheit dieses extrem abwechslungsreichen Stücks extraordinärer kinematischer Prärie begeistert.Hier bewog vielleicht eine extra ordinärere Müdigkeit die übersetzenden Damen, die englischen Wörter nur leicht anzudeutschen, statt sie zu übersetzen. Zum Glück bewirkt solche gedankenfusselige Schreiberei nicht, dass sich sprachkritische Geister genötigt sehen, Ralf über das weiße Telefon anzurufen. Dieser Ausdruck, der den Akt der Mageninhaltsleerung beschreibt, wird in spätestens drei Jahren über eine schlecht übersetzte Teenie-Klamotte den Weg in die deutschjugendliche Gemeinsprache finden, wetten? Peter Kusenberg* Ein peinliche Auflistung aller Anglizismen im Deutschen finden Wortakrobaten auf den Seiten des Vereins Deutsche Sprache.Unter der Überschrift Wortklauber erscheinen im zweiwöchentlichen Abstand Texte über prachliche Phänomene in Zeitungen, Zeitschriften, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Online-Publikationen. Weitere sprachkritische Textchen lesen Sie im Archiv.Ich behalte mir alle Urheberrechte vor, Verwertung meiner Texte nach Rücksprache. Auskunft: mail@peterkusenberg.de
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